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„Ich bin wie ein Hirte, der seine Schäfchen hütet“ – NZ

23. Dezember 2016

GeißleinMarkus Geßlein fährt Mountainbike und hat früher Badminton gespielt. Verletzt hat er sich dabei nie ernsthaft. Im Beruf hat der 42-Jährige aber täglich mit gebrochenen Schlüsselbeinen und Kreuzbandrissen zu tun: Der Sportmediziner begleitet seit 2009 Kaderathleten am Olympiastützpunkt Bayern und betreut die Sporttalente der Bertolt-Brecht-Schule in Nürnberg. Mit der NZ sprach er über Grenzen der Sportmedizin und den Preis, den manche Athleten für ihren Erfolg zu zahlen bereit sind.

NZ: Herr Geßlein, in welchen Sportarten passieren die meisten Verletzungen?

Markus Geßlein: Die meisten Verletzungen passieren beim Vollkontaktsport, im Kampfsport zum Beispiel beim Taekwondo oder auch beim American Football.

NZ: Gibt es Sportler, die eine verletzungsfreie Karriere haben?

Geßlein: Nein, außer die Karriere ist sehr kurz.

NZ: Was sind die Aufgaben der Ärzte beim Olympiastützpunkt Bayern?

Geßlein: Wir betreuen alle Kaderathleten. Wir bieten ihnen Diagnostik und Behandlung an – und zwar innerhalb von zwei Tagen. Zeit spielt im Spitzensport eine große Rolle. Sportler fragen sich als Erstes: ‚Kann ich zum Wettkampf, kann ich weiter trainieren?‘ Normalerweise muss man auf Arzttermine länger warten, was sich Spitzenathleten aber nicht erlauben können.

NZ: Wie lange fallen die Sportler nach einer Verletzung aus?

Geßlein: Das ist von der Verletzung abhängig. Ein Fußballspieler kann mit einer Muskelverletzung etwa bestimmte Trainingseinheiten sechs Wochen lang nicht praktizieren. Normalerweise würde man als Arzt zu einem Breitensportler sagen, dass er jetzt sechs Wochen nicht laufen gehen soll. Ein Athlet kann sich so etwas aber nicht leisten. Unsere Aufgabe besteht darin, für den Patienten oder den Athleten ein Reha-Konzept zurechtzuschneidern, das seiner Verletzung angepasst ist. Auch wenn jemand eine Verletzung an der Oberschenkelmuskulatur hat, kann er trotzdem den Oberkörper trainieren. Schließlich geht es ja um das Gesamtpaket des Athleten, dass er insgesamt fit bleibt.

NZ: Wie reagieren Sportler auf einen längeren Ausfall?

Geßlein: Den Begriff Ausfall sollte man besser gar nicht verwenden in unserem Geschäft (lacht). Man muss den Leuten erklären, dass sie nicht ausfallen, sondern bestimmte Dinge in ihrem Trainingsplan verändern müssen. Es reagiert logischerweise keiner der Athleten erfreut, sondern alle sind unter Druck. Sie wollen wissen, was sie jetzt genau machen müssen. Aber es ist auch von der Persönlichkeit abhängig. Manche reagieren vernünftig. So mancher meint aber, es ist ihm egal und er kann einfach weitermachen. Dann muss man ihn aufklären, was dadurch passieren kann.

NZ: Machen sich die Sportler selbst Druck oder sind es die Eltern, Trainer, Sponsoren?

Geßlein: Die Eltern machen selten Druck. Aber die Trainer können schon manchmal Fragen stellen, ob die Therapie wirklich sein muss. Das ist häufig ein Kommunikationsproblem, da der Trainer die Folgen einer Verletzung des Sportlers nicht so gut einschätzen kann wie der Arzt.

NZ: Wie leichtsinnig sind die Sportler? Und was machen Sie dagegen?

Geßlein: Die Sportler wollen manchmal trotz Verletzung an den Wettkämpfen teilnehmen. Als Arzt muss ich dann erklären und aufklären. Und ab und zu auch eine klare Ansage machen. Bei volljährigen Patienten kann die Schweigepflicht ein Problem sein. Jeder ist selbstbestimmt als Athlet, deshalb darf ich dem Trainer keine Auskunft geben. Meine Aufgabe ist es dann zu begleiten. Manchmal fühle ich mich wie ein Hirte, der seine Schäfchen hütet.

NZ: Wann ist der Sport noch gesund und wo liegt die Grenze?

Geßlein: Sport ist immer gesund. Die Grenze wird allerdings überschritten, wenn man sich selbst schädigt, wenn man etwa dauerhafte Schmerzen hat während des Sports. Wenn ein Sportler ein Knock-out hatte, sollte er nicht weiter trainieren. Er bekommt eine Kampfsperre, aber das hält einige nicht davon ab, trotzdem zu trainieren. So etwas kann sich dann aufsummieren und zu dauerhaften Schäden am Gehirn führen, wie bei Muhammad Ali. Im Taekwondo zieht der Verband nach einem Knock-out sogar den Kampfpass ein und damit wird der Kämpfer für sechs Wochen für Turniere gesperrt. Beim Football gibt es eine solche Sperre aber nicht.

NZ: Haben Sie als Sportmediziner einen gewissen Blick für Verletzungen?

Geßlein: Wenn ich sehe, wie jemand umknickt, nach innen, nach außen, und das Knie oder den Knöchel dann in die Hand nehme, kann ich schon sehr genau sagen, was verletzt ist.

NZ: Welche Gefühle haben Sportler vor einer Operation?

Geßlein: Einige sind wirklich gelassen und haben keine Angst, andere machen sich Sorgen. Aber das ist eben wie bei allen Menschen. Als Arzt muss ich vor und nach der Operation für die Leute da sein.

NZ: Und wie fühlen Sie sich vor der Operation?

Geßlein: Die Verantwortung ist spürbar. Ich weiß, dass jede OP eine Welle nach sich ziehen wird. Diesem Druck muss man sich stellen. Niemand kann Wunder vollbringen und man muss den Druck aushalten, Spitzensportler zu behandeln. Es ist wichtig, den Leuten vorher genau zu erklären, was für eine Verletzung sie haben und welche Folgen das haben kann. Es gibt ja zum Beispiel im Fußball immer noch das Märchen, dass Fußballer sechs Monate nach einem Kreuzbandriss wieder spielen können. Das können sie schon tun, aber sie haben ein erhöhtes Risiko, dass das Kreuzband wieder und wieder reißt. Das sind Erwartungen, die von Medienberichten über Wunderärzte aufgebaut worden sind, die es am Ende gar nicht waren.

NZ: Wann zählt die Medizin als Doping?

Geßlein: Zur Wiederherstellung der Gesundheit ist zunächst alles erlaubt. Was nicht erlaubt ist, regelt die WADA, die Welt-Anti-Doping-Agentur. Es gibt jährlich verpflichtende Seminare sowohl für Ärzte als auch für Sportler, damit sie die Regeln kennen und kein Mist gebaut wird.

Fragen: Ola Abu-Khousa und Monika Weigert

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