- Nürnberger ZeitungRegenerative Energiequellen
Auch ein kleiner Garten kann politisch sein

1. Februar 2016

KuntzeUmweltaktivist ist Oliver Kuntze schon immer. Seit einem dreiviertel Jahr ist der 45-Jährige auch Umweltpädagoge. Aber keiner, der mit erhobenem Zeigefinger zum Umweltschutz mahnt, sondern mit selbst angebautem Gemüse begeistert.

NZ: Ärgert es Sie, wenn achtlos mit der Umwelt umgegangen wird?

Oliver Kuntze: Nein, das ärgert mich nicht, weil ich verstehen kann, warum sie es tun. Denn in der Welt, in der wir leben, ist es üblich, Dinge einfach so wegzuschmeißen. Deshalb kritisiere ich nicht, sondern stelle Fragen. Zum Beispiel: Warum gibt es hier Pappbecher? Warum kann man nicht einfach Porzellantassen benutzen?

Und auch moralisch: Ich finde, man muss eher Fragen stellen und Ideen entwickeln.

NZ: Wie umweltbewusst sind Sie selber? Fahren Sie viel Fahrrad?

Kuntze: Ich habe fünf Fahrräder, fahre seit bestimmt 20 Jahren nicht mehr Auto und esse fast kein Fleisch. Ich versuche nur Dinge zu tun, von denen ich auch überzeugt bin, weil man nur so die Leute für seine Meinung gewinnen kann.

NZ: Was hat Sie dazu bewegt, Umweltpädagoge zu werden?

Kuntze: Der Auslöser war, dass ich seit vier Jahren das Gartenprojekt auf dem ehemaligen Quelleparkplatz, den Stadtgarten Nürnberg, mit leite. Weil mir dieses Projekt sehr gut gefallen hat, habe ich meinen Verband gefragt, ob ich dasselbe auch hauptamtlich arbeiten kann.

NZ: Sie waren ja auch eine Zeit lang Finanzberater. Wie passt das zusammen?

Kuntze: Ich war schon immer Umweltaktivist. Das hat bei mir mit zwölf Jahren angefangen. Also es hat mich schon immer umgetrieben, und als ich Erzieher geworden bin, hat das super gepasst. Später in der Bank habe ich auch keine Immobilien- oder Autokredite verkauft, sondern war Anlageberater für erneuerbare Energien.

NZ: Durch den Atomausstieg wird wieder mehr Braunkohle verwendet und für neue Stromtrassen werden Wälder gerodet. Wie viel Umwelt müssen wir für die Energiewende opfern?

Kuntze: Also ich bin Realist. Wir leben in Deutschland. Wir brauchen Strom. Gerade jetzt im Winter. Wir kommen nicht darum herum, die Ressourcen zu verbrauchen. Jeder findet Windanlagen gut, will sie aber nicht vor seiner Haustür haben. Ein Atomkraftwerk ist auch nicht schön, ein Kohlekraftwerk auch nicht. Der Atomausstieg kommt eigentlich schon viel zu spät. Der Müll wird noch viele Generationen nach uns beschäftigen. Natürlich finde ich jetzt Braunkohle auch nicht toll, aber das ist nur eine Zwischenlösung. Deswegen würde ich nicht von Opfern sprechen. Derzeit produziert Deutschland, eins der größten Industrieländer der Welt, schon 30 Prozent seines Stromes durch erneuerbare Energien und ist dadurch inspirierend für andere Länder, ihre Stromversorgung umzustellen.

NZ: Wie?

Kuntze: Meine Vision ist, dass wir einfach alle tollen Ideen, die es schon gibt, umsetzen. Es gibt genug Möglichkeiten: zum Beispiel intelligente Häuser zu bauen. In Nürnberg haben wir im Moment einen Radfahreranteil von elf Prozent. Es könnten 30 Prozent werden, wenn es mehr Radwege geben würde. Mir geht es darum: Wie können wir unseren Lebensstandard halten und dabei trotzdem die Umwelt schützen?

NZ: Bei Umweltaktivisten denken viele an Leute, die demonstrieren und sich an einen Baum ketten, um ihn zu beschützen. Haben Sie so etwas auch schon gemacht?

Kuntze: Ja, das habe ich alles schon gemacht. Wobei für mich der Stadtgarten das Politischste ist, was ich je gemacht habe. Wir sind 30 Leute und bepflanzen 3000 Quadratmeter. Wir alle müssen uns fragen: Wem gehört die Stadt? Überlassen wir das alles der Politik oder gestalten wir sie selbst?

NZ: Sie gärtnern auch mit Schulklassen. Wie viel Umweltbewusstsein bringen Kinder und Jugendliche heute mit?

Kuntze: Letztes Jahr waren 500 Kinder im Stadtgarten Nürnberg, von Kindergarten, Grundschule, Mittelschule, Gymnasium. Sie haben geschippt, gegossen, gepflanzt und danach aus dem eigenen Gemüse Salat gemacht und gegessen. Ich habe nicht gesagt, ihr müsst das jetzt tun, sondern, das ist zu tun, dafür brauche ich eure Hilfe. Sie erkennen, dass das Sinn macht und Spaß bringt, und daraus entsteht dann vielleicht ein Umweltbewusstsein. Manche Kinder aus der Stadt haben noch nie einen Apfel direkt vom Baum gegessen und sind dann total selig. Das berührt mich.

Fragen: Jan Kaiser, Kathrin Wedel, Konstantin Meidenbauer

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